Die Gezeiten des Lebens

Sie sind unberechenbar. Genauso wenig wie sich auf der spanischen Insel Fuerteventura voraussagen lässt, wann Ebbe und Flut eintreten (wie mir ein Einheimischer während meines Aufenthaltes dort verriet), so überrascht uns auch das Leben immer wieder mit seinen Flauten und wilden Wellengängen. Gefühltermaßen waren für mich die letzten zwei Jahre ein stetiges Auf und Ab an unvorhersehbaren Ereignissen und Entwicklungen. Vielleicht habe ich diese aber auch nur so stark wahrgenommen, weil ich bei Ebbe zu verbissen nach dem Meer gesucht habe, nur um dann beim Herannahen des Wassers den ganzen Weg zum Strand zurück zu rennen.

© Anna Milo, 2017

Vor genau drei Wochen, während ich auf die glitzernden Wellenkämme am Strand von El Cotillo starrte, kam mir zum ersten Mal in den Sinn, wie kräftezehrend und sinnlos dieses Unterfangen ist. Das Meer ist kein Tier, das sich einfangen und zähmen lässt. Dass ich es nicht immer sehe, bedeutet nicht, dass es nicht da ist: Wir müssen nur die Nase in den Wind halten und schon riechen wir es, schmecken seinen salzigen Kuss auf den Lippen.

Momentan jedenfalls sehe ich es in aller Klarheit vor mir und spüre seine Hände, manchmal nasskalt und manchmal sonnenwarm, überall auf der Haut. Die Flut ist eingetroffen und sie schickt mir so viel unbändige Energie wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Das habe ich zum Anlass genommen, Bilanz von meinem Leben zu ziehen und darüber nachzudenken, in welche Richtung ich künftig gehen möchte. Bestimmt hängt das auch damit zusammen, dass ich nun fast am Ende meines Studiums angelangt bin und wie so viele junge Menschen Mitte zwanzig überlegen muss, wie es nach der Universität mit mir weitergehen soll. Ich dachte stets, ich wüsste es: wollte das werden werden, was ich studiert habe, oder Lektorin, da ich jahrelang als solche gearbeitet habe. Doch irgendwann einmal war da noch etwas anderes. Etwas, das mit den ersten Schreibversuchen von Geschichten angefangen, mit dem Aufziehen eines Literaturblogs namens Clees Bücherwelt weitergegangen und schließlich mit dem Veröffentlichen einer Kurzgeschichte geendet hatte: das Schreiben. Was war mit meinem Schreiben? Und seit wann hatte ich aufgehört, es zu tun?

Vielleicht, seitdem ich aufgrund meines Studiums nur noch englische Bücher gelesen und darüber die deutsche Sprache vergessen habe? Oder, weil Bücher und Texte für mich als ehemalige Viel-Rezensentin und später als Lektorin nur noch mit Arbeit und dem Bearbeiten von fremden Ideen verbunden waren? Vielleicht aber auch, weil ich mir zu oft von anderen Leuten in mein eigenes Schreibverhalten habe reinreden lassen, mich selbst zu sehr unter Druck gesetzt habe, endlich eine Geschichten zu beenden und das möglichst perfekt, obwohl ich arbeitsbedingt in Gedanken doch immer nur bei denen von anderen war.

Vielleicht waren es all diese Gründe und vielleicht ist die Ursache gar nicht so wichtig, sondern nur die Tatsache, dass ich in den letzten Jahren meine Stimme verloren habe. Besonders auf meinem Blog wusste ich nicht mehr, über was ich eigentlich schreiben möchte. Das alte Konzept passt schon lange nicht mehr zu mir. Ich bin nicht mehr das junge Mädchen, dass den lieben langen Tag liest und mit anderen darüber spricht. Ist es da ein Wunder, dass der Blog meines altern Ichs immer leerer und verstaubter wurde? Wohl kaum. Denn mittlerweile bin ich mehr als nur eine Leseratte. Ich bin Autorin und Lebenskünstlerin, Lektorin und Studentin, Träumerin und Reisende, Dan-Sha-Rianer und Yogi. Ich bin jeden Tag etwas anderes und genauso bunt wie mein Leben und meine Interessen muss auch mein Blog sein, wenn er noch zu mir passen soll.

Für mich beginnt deshalb ein neues Kapitel. Ich möchte mich nicht mehr selbst durch die Kategorie „Buchblogger“ einschränken, sondern über all das schreiben, das mir auf der Seele und unter den Nägeln brennt. Einfach um des Schreibens Willen. Im Zuge dessen wird sich auf dieser Seite einiges ändern, am Design, den Themen und auch am Blognamen. Falls ihr also einen Blog sucht, der sich ausschließlich mit Büchern beschäftigt, seid ihr hier in Zukunft vermutlich falsch. Wenn ihr euch aber inspirieren lassen wollte, wenn ihr mehr über die Magie der Worte und das Leben mit all seinen schillernden Farben und Facetten erfahren wollt, dann seid ihr hier genau richtig.

-Anna

Leseprobe zu Silbernächte

Es ist soweit!

Wie ich bereits vor kurzem angekündigt habe, erscheint mein Debüt Silbernächte am 20. Oktober 2016 unter der Fahne des Drachenmond Verlages und zwar als Kurzgeschichten-Beitrag für die internationale Märchen-Fantasy-Anthologie Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln. Wer noch einmal nachlesen möchte, um was es dabei geht, kann das hier tun. Ich habe  außerdem versprochen, auf Clees Bücherwelt eine Leseprobe online zu stellen und das möchte ich heute tun.Um nochmal kurz zusammenzufassen:

Silbernächte ist an das Märchen Rotkäppchen und der Wolf angelehnt.
Darin findet sich ein verwunschener Wald, in dem die Gefahren hinter jedem Strauch lauern. Ein nicht ganz so zahmes Rotkäppchen folgt dem Ruf der Schatten und ein Jägersmann, der nichts mehr zu verlieren hat, macht sich auf die Suche nach dem Geschöpf aus einer Legende.

Seid ihr bereit? Dann folgt mir in ein Land, in dem die Bäume euren Träumen lauschen und Geister bei Vollmond an eure Türen klopfen …

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buchstabe-silbernachtes heißt, wenn des Nachts im Dorf das letzte Licht erlischt, erhebt sich der Herr des Waldes und entzündet ein Feuer in den Herzen der Menschen. Es weist ihnen den Weg in ein Reich, in dem Sehnsüchte in Knospen an den Ästen wachsen und Träume wie Pilze aus dem Boden sprießen. Wo Wünsche als überreife Früchte von den Bäumen fallen und der Wind von Hoffnung und Verheißung wispert.
   Doch der friedliche Schein trügt, denn es ist das Reich der Geister und nicht geschaffen für die Sterblichen. Jene, die sich auf seine Pfade begeben, verschwinden und kehren nie wieder. Nur eine Handvoll findet ihren Weg zurück.
   Ihr Schicksal ist das grausamste von allen.
   Die Geister mögen ihre Körper freigeben, ihre Seelen aber verdammen sie dazu, auf ewig durch die Anderswelt zu irren.
   Jeden Vollmond, wenn der Schleier zwischen den Welten am dünnsten ist und die Nachtwölfe ihr Lied anstimmen, hörst du die Schreie der Verlorenen aus den Wäldern dringen. In diesen Stunden flackert die Magie des anderen Reiches in den Augen der Zurückgekehrten und ihre Mitmenschen bemitleiden und fürchten sie zugleich für den Beweis ihrer Veränderung. Überall in den Dörfern machen sich die Bewohner dann auf und behängen ihre Häuser mit Amuletten aus Eisen und die Viehställe mit Bündeln aus Schafgarbe, um die Geister fernzuhalten. Keiner traut sich in dieser hellsten aller Nächte vor die Tür.
   Keiner, bis auf eine junge Frau aus einer der westlichen Siedlungen, die in diesem Moment am Rande eines Waldstückes kniet. Ihr Gesicht ist so bleich wie das der Nebelfrauen, die seit Beginn des Herbstes das Land mit Dunstschleiern überziehen. Tränen strömen ihre Wangen hinab, während sie dem Neugeborenen in ihrem Arm ein rotes Käppchen zum Schutz gegen böse Mächte aufzieht.
    „Vergib mir“, flüstert sie und legt das Kind in einen Korb aus Wurzeln und Farne. Seine Lider sind geschlossen, die Lippen blau vor Kälte.
   Windfinger tasten unter ihren Mantel und entblößen ein blutbesudeltes Kleid. Durch die Reihen der Bäume vor ihr geht ein Stöhnen. Sie wiegen sich zur Seite, als wollen sie dem Anblick entgehen.
   Erschrocken sieht die junge Frau auf. Sie greift zu der Eisenschere in ihrer Tasche und weicht zurück. „Ich weiß, dass Gutes in den Geistern dieses Tannichts existiert. Ich bitte euch, beschützt meine Tochter“, sagt sie. Und mit einem letzten Blick auf ihr Kind rafft sie ihr Kleid und eilt über die Wiese zurück zum Dorf.
   Sie sieht weder die Augen, die aus allen Winkeln des Waldes aufblitzen und ihre Flucht verfolgen, noch die fahlen Hände, die dem Neugeborenen die Mütze vom Kopf ziehen. Ein Zischen wie beim Erlöschen einer Flamme ertönt, dicht gefolgt von einem Knurren. Blätter rascheln unter unzähligen Füßen. Kurz darauf ist es wieder still und mit dem nächsten Atemhauch des Windes, der das Laub von den Bäumen fegt, ist das Kind verschwunden, als hätte es dieses nie gegeben.

Copyright © 2016 by Anna Milo. Alle Rechte vorbehalten.

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Copyright 2016 by Anna Milo

Mein erstes Buch erscheint dieses Jahr!

Hallo ihr Lieben,

hinter-zauberspiegeln-und-dornenhecken-725x1030endlich ist es so weit und ich darf euch verraten, warum es um Clees Bücherwelt im Verlaufe der letzten zwei Jahre immer ruhiger wurde. Ich habe neben der Uni meine Brötchen als Lektorin verdient, weshalb kaum mehr Zeit für’s Hobbylesen übrig blieb, und mich selbst am Schreiben von Geschichten versucht. Dieses Jahr hat meine Arbeit Früchte getragen und ich darf mich ganz offiziell Autorin nennen, denn meine erste Geschichte wird am 20. Oktober 2016 unter dem Himmel des Drachenmond Verlages erscheinen!

Das gute Stück heißt Silbernächte und wird Teil der internationalen Anthologie Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln sein. Darin finden sich 18 deutsche und englischsprachige Autoren, die sich passend zum Thema „Fairy Tale meets Fantasy“ ein bekanntes Märchen ausgewählt und es neu interpretiert, oder sich ein ganz eigenes ausgedacht haben.

Silbernächte ist an das Märchen Rotkäppchen und der Wolf angelehnt.
Was euch darin erwartet?

Ein verwunschener Wald, in dem mehr Gefahren lauern, als Blätter an einem Baum hängen. Ein nicht ganz so zahmes Rotkäppchen, und ein Jägersmann, der nichts mehr zu verlieren hat …

Neben meinem Beitrag finden sich in der Anthologie u. a. auch die Geschichten von Juliet Marillier, Nina Blazon, Susanne Gerdom, Christoph Marzi, Julia Adrian, und vielen mehr. Eine genaue Übersicht findet ihr auf der Homepage des Verlages. Dort könnt ihr das Buch sogar schon vorbestellen: KLICK. Bald dürfte es aber auch auf allen anderen Plattformen im Druck- und eBook-Format zu erstehen sein.

Mit etwas Glück wird das Buch bereits auf der Frankfurter Buchmesse vom 19. – 23. Oktober 2016 ausstehen und wer weiß? Einige der Autoren schwirren vielleicht dort um den Stand des Verlages, um das Schätzchen persönlich für euch zu signieren. Ich selbst werde auf jeden Fall von Freitag, den 21.10 bis Sonntag, den 23.10 öfter mal am Stand des Drachenmond Verlages sein, um mir das Buch im Regal anzusehen und evtl. selbst ein paar Signaturen abzustauben. Ist hier sonst noch jemand auf der Buchmesse? Ich würde gerne einige Leute einmal kennenlernen oder wiedersehen. :)

Ich halte euch mit weiteren Updates zu Silbernächte und der Anthologie auf dem Laufenden, hier oder auf meiner Facebook-Seite: KLICK. Ich werde bald auch eine Leseprobe online stellen und habe schon einige Aktionen samt Gewinnspiel geplant. Ich freue mich darauf!

Hier noch ein paar Angaben zu Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln:

anthologie-printvorschau

Herausgeber Christian Handel
Illustriertes Softcover, ca. 400 Seiten
ISBN: 978-3-95991-181-8
14,90 €
Erscheint Oktober 2016 im Drachenmond Verlag

Klappentext:

Traust du dich, einen Blick hinter den Spiegel zu werfen?

Entdecke eine Welt, in der die Feen zum Klang fluchbeladener Harfen tanzen und Geheimnisse wohl verborgen hinter Brombeerhecken schlummern.

Folge den Spuren derer, die du zu kennen glaubst. Doch gib acht – im Märchenreich ist nichts so, wie du es erwartest …

Jetzt bleibt mir nichts mehr, als aufgeregt und glücklich auf und ab zu hüpfen und euch ein wunderschönes Wochenende zu wünschen.

Alles Liebe

2016 Clee signatur

Aufbruch zu neuen Ufern!

Hiya alle miteinander,

obwohl ich mir vorgenommen hatte, häufiger in mein Online-Buchjournal zu schreiben, kam es nicht dazu. Ich weiß, welch erstaunliche Eröffnung, immerhin dürfte das allen aufgefallen sein. Wie dem auch sei. Um euch die zutiefst langweilige Liste an Gründen für mein Nichtschreiben zu ersparen, kommen wir lieber zu dem Grund, warum ich jetzt doch wieder in die Tasten haue: Ich bin Anfang diesen Jahres nach Irland gezogen. Für das nächste halbe Jahr habe mich unter die Insulaner des grünsten Fleckchens Erde gemischt und darf hier lernen, leben und hoffentlich an Erfahrungen wachsen.

Was ich nach den zwei Wochen, die ich jetzt schon in meiner neuen Heimat Galway bin, am Erstaunlichsten finde ist, dass ich trotz der täglichen Erkundung von Neuem endlich wieder zum Lesen und Schreiben komme. Keine Latein-Grammatikbücher oder Hausarbeiten für die Uni, sondern Romane und Geschichten. Bei den malerischen Landschaftsbildern und verwunschenen Dörfchen um mich herum, ist das wohl auch kein Wunder.

© 2014 Charlie Byrne’s Bookshop

Obwohl ich hier eindeutig mit dem Wetter zu kämpfen habe (in Irland lässt es sich auch fabelhaft auf dem Trockenen baden), fühle ich mich wie im Paradies.  Wusstest ihr, dass Autoren in Irland einen besondren Status haben? Ein Autor aus Dublin hat behauptet, für einen Iren ist es bedeutsamer, ein Schriftsteller als reich zu sein und dass das Lesen hier zum guten Ton gehört. Wollen wir ihm das einfach mal glauben. ;-) Vermutlich ist es auch eine Fügung des Schicksals, dass ich in der Stadt mit dem schönsten und beliebtesten Secondhand-Buchläden Irlands gelandet bin. Charlie Byrne’s Bookshop! Die Schnittstelle in all die fantastische Welten, in die wir sonst nur zwischen zwei Buchdeckeln finden. 2014-01-11 12.35.02

Ihr glaubt mir nicht? Dann solltet ihr euch mal dieses Foto ansehen … Ich war ja kurz davor, das Ding mitzunehmen, aber … ihr wisst schon, die Beule unter der Jacke wäre aufgefallen. ;-) Seht ihr? Einfach den Schildern folgen und schon seid ihr da. Ich habe es so gemacht und bin in einer ganz faszinierenden Ecke gelandet: bevölkert von Druiden, Feen, Geistern, Leprechauns und Menschen, deren Namen klingen wie das Wispern des Windes, das Rauschen des Meeres, das Wogen der Gräser … und ja, manchmal vielleicht auch das Mähen eines Schafs. Dieser Ort hatte eine solch magische Anziehungskraft, dass ich nicht P1010201widerstehen konnte, wenigstens ein kleines Stück davon in meine Welt mitzubringen – als Erinnerung, dass ich auf jeden Fall dorthin zurückkehren muss.

Dieses Buch wurde mir von einer der Torhüterinnen des Buchladens wärmstens ans Herz gelegt, wenn ich ein besseres Gespür für das „alte Irland“ bekommen möchte. Und das möchte ich in der Tat, aus schriftstellerischem Interesse, weshalb ich während meinem Aufenthalt in Galway auch einen Gälisch-Sprachkurs mache. Ihr seht, ich stecke schon zu tief in diesem Abenteuer, als dass es für mich noch ein Zurück geben könnte. Nicht, dass das überhaupt erwünscht wäre.

Well, ich bin mir nicht sicher, wie bald ich hier wieder etwas schreiben werde, aber ich hoffe, dass ich bald mehr zu berichten habe – natürlich über Bücher und all das, was Leseratten und Schriftsteller interessiert.

Alles Liebe

2016 Clee signatur

[Blogtour] Letzte Chance

~*~

Wie oft ich schon versucht hatte, aus dem Käfig auszubrechen, wusste ich nicht. Zeit hatte für mich keine Bedeutung mehr, auch wenn ich sie auf meinem Smartphone abrufen konnte. Ich wollte nicht mit ansehen, wie wertvolle Stunden meines Lebens verstrichen, während ich wie ein Tier in diesem goldenen Gefängnis gehalten wurde und sie nicht nutzen konnte.

Meine Schulter schmerzte und war bestimmt geprellt von all den Malen, in denen ich mich mit ihr gegen die Stäbe geworfen hatte. Obwohl der Geheime immer wieder zu mir kam und mich mit Nahrung und Wasser versorgte, litt ich an Hunger und Durst. Ich brachte es einfach nicht über mich, etwas von dem anzurühren, was dieses Monster mir anbot. Ich wusste jedoch, dass ich so nicht mehr lange weitermachen konnte. Die Magenkrämpfe und Schwindelanfälle kamen nun immer häufiger und gewannen an Intensität. Immer öfter verlor ich das Bewusstsein, nur um beim Aufwachen festzustellen, dass der Wicht wieder vor dem Käfig lauerte und mich mit diesen gierigen Augen anstarrte.

Ich war nie gläubig gewesen, aber dieser Anblick hatte mich davon überzeugt, dass es einen Teufel gab, und er hatte rote Haare und wässrig graue Augen.

Zu schwach, um mich aufzusetzen, lag ich zusammengerollt in der Mitte des Käfigs und tippte in mein Smartphone. Meine Lider waren so schwer, dass ich sie kaum noch offen halten konnte.

Ich war zu einem Abenteuer aufgebrochen, von dem ich nicht einmal annähernd wusste, wie ich es bestehen sollte.

Ich schrieb meine eigene Geschichte: von dem Moment, in dem ich vor Finas Mühle gestanden hatte, bis jetzt, da ich in der Schatzkammer des Geheimen vor mich hinvegetierte. Das Schreiben war das einzige, was mich davon abhielt, verrückt zu werden. Aber ein Blick auf meinen Akku verriet mir, dass ich nicht einmal das noch lange tun konnte.

Resignierend schloss ich die Augen. Bis jetzt hatte ich auf meine Hilfebotschaft noch keine Antwort erhalten. Vermutlich würde ich das auch nicht, denn wer sollte mir diese Geschichte schon glauben? Ich war verloren. Der Gedanke, dass ich nicht ewig ohne Trinken und Essen auskam, war beinahe schon tröstlich. Aus der Hölle gab es einen Ausweg und was auch immer mich danach erwarten würde, es konnte nur besser sein als das hier.

Das Summen meines Handys riss mich aus meiner Lethargie. Erstaunt sah ich auf das kleine Symbol am Rand meiner Menüleiste, die einen eingetroffenen Briefumschlag anzeigte. Jemand hatte mir eine SMS geschickt.

Was auch immer ich gerade noch über den Tod als glücklichen Ausweg aus meiner Lage gedacht hatte – neue Hoffnung durchströmte mich wie eine Flut heißen Wassers. Mit zittrigen Fingern kämmte ich mir das strohig zerzauste Haar aus dem Gesicht und kämpfte mich mit aller verbliebenen Kraft in eine sitzende Position. Mein Atem rasselte. Ich leckte mir über die aufgeplatzten Lippen und schmeckte Blut. Nur wenige Zentimeter über der SMS-Annahmetaste schwebte mein Daumen in der Luft. Die Erwartung schnürte mir beinahe die Kehle zu.

„Was hat sie denn da?“, erklang die Stimme des Geheimen.

Schwerfällig hob ich den Kopf und sah ihn an. Sein unbemerktes Auftauchen überraschte mich nicht, daran war ich gewöhnt. Doch das er ausgerechnet in diesem Augenblick zurückgekehrt war, erschien mir wie eine Offenbarung. Das hier war es also, das Ende. Ich spürte es mit jeder Faser meines Körpers und las es in den Augen des Wichts. Jetzt würde sich entscheiden, ob ich leben oder sterben würde.

Mein Mund verzog sich zu einem erschöpften Lächeln. „Vielleicht den Schlüssel zu meiner Freiheit.“

Ich drückte den Knopf und das Nachrichtenfenster sprang auf. Mein Blick fiel auf die schwarzen Buchstaben, die sich über den weißen Hintergrund zogen. Sie verbanden sich zu einem einzigen Wort.

Seinem Namen.

Ich schloss die Augen. Gerettet.

Das Wort hallte wieder und wieder durch meinen Kopf. Die Gefühle, die mich dabei überkamen, waren so stark, als erlebte ich sie zum ersten Mal: Erleichterung, Zuversicht, Dankbarkeit …

Noch nie in meinem Leben war ich so dankbar gewesen wie in diesem Moment, und würde es wohl auch nie wieder sein. Das zu wissen, erfüllte mich mit Ehrfurcht. Wie wenig du das Leben zuvor geschätzt hast, wird dir erst bewusst, wenn es dir beinahe genommen wird.

Meine Lider hoben sich und ich sah dem Geheimen mit festem Blick entgegen. „Du willst wissen, was sie hier hat?“

Triumph ließ mich jeden Schmerz vergessen. Ich stand auf und trat vor ihn. Gemächlich hob ich die Hand mit dem Handy und hielt ihm den Bildschirm vors Gesicht. Er schien Schwierigkeiten zu haben, die Buchstaben zu entziffern, doch schließlich machte sich Begreifen in seiner Miene breit.

„Ganz recht“, sagte ich. „Sie hat deinen Namen herausgefunden.“

Der Geheime schrie. Er kniff die Augen zusammen und sein Gesicht verzog sich zu einer schmerzerfüllten Fratze.

Ich rückte noch ein wenig näher an das Gitter. „Sie schwört, wenn er nicht sofort diese Tür öffnet, wird sie ihn aussprechen. Sie wird seinen Namen laut sagen und er wird zu Staub zerfallen.“

Seine Lider öffneten sich. Abgrundtiefer Hass loderte in seinem Blick.

„Mach die Tür auf. Sofort!“

Schweißtropfen perlten an seiner Schläfe hinab. Hastig griff er nach dem Schlüssel an seinem Gürtel und schob ihn ins Schloss. Der Weg in die Freiheit tat sich quietschend vor mir auf.

Ich holte tief Luft und setzte den ersten Fuß nach draußen. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie der Geheime jede meiner Bewegungen haargenau beobachtete. Wenn Menschen Gefühle riechen könnten, würde der Gestank seiner Angst mir jetzt den Atem rauben.

Ich streckte die Hand aus. „Und jetzt das Salz. Auf der Stelle!“

~*~

Als ich die Höhle des Geheimen verließ und Sonnenlicht auf mein Gesicht fiel, jauchzte ich auf. Das Säckchen mit dem Salz, das mir der Wicht in die Hand gedrückt hatte, wog schwer in meiner Hand.

Ein Lachen stieg in meiner Kehle auf und hallte durch die nebelverhüllten Weiten des Moores.

Ich war frei!

~~~***~~~

SMS-Nachricht an alle Bloglesetourteilnehmer:

Ich kann euch gar nicht sagen, wie dankbar ich euch für eure Hilfe bin! Besonders dir, Alissa, bin ich mehr als dankbar. Mit deinem Einsatz hast du mir das Leben gerettet, das werde ich dir nie vergessen!

So, und jetzt muss ich erst einmal duschen, essen und dann schlafen gehen. Vielleicht fühle ich mich danach wieder ein wenig menschlicher und weniger wie eine potenzielle Moorleiche.

Noch einmal tausen Dank!

Erschöpft erleichterte Grüße

2016 Clee signatur

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>>Hier berichtet der Geheime aus seiner Perspektive von den Ereignissen der letzten Woche!<<